• Weniger Abfall!

Weniger Abfall!

15.10.2020

In der Schweiz entstehen pro Person und Jahr ungefähr 700 bis 730kg Abfall. Wie lässt sich der Müll reduzieren? Die Hauseigentümer-Redaktion hat bei Franziska Rosenbaum, Mitglied von ZeroWaste Switzerland, nachgefragt.

HAUSEIGENTÜMER: Frau Rosenbaum, Sie sind Mitglied bei ZeroWaste Switzerland und versuchen, in Ihrem Alltag so wenig Abfall wie möglich zu produzieren. Wie viel Müll hatten Sie im letzten Monat?

FRANZISKA ROSENBAUM: Ich lebe mit meinem Mann in einem Zweipersonenhaushalt und schätze, dass wir im Monat ungefähr einen 17-Liter-Abfallsack füllen. Manchmal ist es viel weniger, dann wieder ein bisschen mehr. Die Abfallmenge hängt von verschiedenen Faktoren ab: wie häufig wir Besuch hatten oder von schönem und schlechtem Wetter und unseren entsprechenden Aktivitäten. Im letzten Monat landeten zum Beispiel vier alte Mountainbike-Pneus im Müll, die wir ersetzen mussten.

Gerade in der Küche entsteht viel Abfall. Wo ist es am einfachsten, mit dem Reduzieren zu beginnen?

Meiner Meinung nach kann man mit einem Kompost schon sehr viel bewirken. So landen Rüstabfälle nicht im Müll, sondern werden kompostiert. In einigen Gemeinden gibt es aber leider immer noch keine Kompostabfuhr. Weiter lässt sich bei Getränken Abfall vermeiden: Wir haben immer zwei bis drei verschiedene Sirupsorten in Glasflaschen zu Hause und kaufen keine PET-Flaschen mehr ein. Das Bier holen wir in Pfandflaschen beim lokalen Getränkemarkt. Nur noch die Milch und Milchersatzprodukte kaufen wir in Getränkekartons, die wir dann sammeln und separat an den dafür vorgesehenen Stellen entsorgen beziehungsweise recyceln lassen.

Küche: Die unverpackt eingekauften Lebensmittel werden daheim in Gläsern aufbewahrt. BILD ZVG 

Stichwort Einkaufen: Worauf achten Sie beim Einkaufen, damit nicht zu viel Abfall mit nach Hause kommt?

Ich habe meistens eine grosse Stoffeinkaufstasche mit diversen kleinen Stoffbeuteln und alten Papiertüten dabei, wenn ich im herkömmlichen Supermarkt einkaufe. Diese fülle ich mit Früchten und Gemüse oder auch mit Nüssen und Gebäck. Etwa einmal im Monat kaufe ich in einem Unverpackt-Laden ein und mache dort dann gleich den Grosseinkauf.

Unverpackt einkaufen zu gehen ist nicht jedermanns Sache. Manche finden es unhygienisch, wenn Lebensmittel nicht verpackt sind. Verstehen Sie diese Bedenken?

Ehrlich gesagt kann ich die Bedenken nicht ganz nachvollziehen. Die Lebensmittel stehen im Unverpackt-Laden nie ganz unverpackt da, sondern werden auch in verschlossenen Behältern angeboten. Die Hygienevorschriften müssen genau gleich eingehalten werden. Für mich persönlich hat das Unverpackt-Einkaufen viele Vorteile: kein bzw. weniger Abfall, die Lebensmittel kommen nicht mit Plastik in Kontakt, und man kann von der Menge her genau so viel einkaufen, wie man wirklich braucht. Dadurch lässt sich auch Foodwaste vermeiden. Gerade für einen Singlehaushalt finde ich das Einkaufen im Unverpackt-Laden sehr geeignet.

Die Corona-Krise hat dem Takeaway-Essen und der Food-Heimlieferung einen grossen Schub verliehen. Was ist da zu beachten, damit nicht zu viel Verpackungsabfall anfällt?

Das ist tatsächlich ein schwieriges Thema. Wenn man ein bisschen sucht, findet man vielleicht einen Lieferanten, der ein Mehrwegsystem anbietet. Oder man bringt sein eigenes Gefäss an den Take-away-Stand mit und lässt es auffüllen. Am einfachsten ist es wohl, sich etwas mehr Zeit zu nehmen, um vor Ort zu essen und so den Verpackungswahn zu stoppen.

Weiter hat die Corona-Krise das Selberbacken von Brot gefördert. Das müsste eigentlich ganz im Sinne der Zerowaste-Bewegung sein, nicht?

Ja, natürlich. Auch ich habe während des Lockdowns, aber auch schon vorher, vieles selbst gebacken und mache es auch heute noch. Neben Brot, Kuchen und Süssgebäck stelle ich zum Beispiel Joghurt selbst her, um die Plastikbecher zu vermeiden.

Wie lassen sich Familienmitglieder oder Partner motivieren, darauf zu achten, weniger Abfall zu produzieren? Was sind Ihre Erfahrungen?

Das ist nicht einfach. Meine Eltern und mein Mann sind das beste Beispiel dafür: Sie lassen sich nicht von mir motivieren, und ich habe es aufgegeben! Man muss es selbst wollen. Ein wichtiges Argument, das ich immer wieder bringe, ist, dass man mit weniger Abfall automatisch auch Geld sparen kann. Und weniger Müllsäcke herumtragen muss ...

Zum Schluss: Welches Lebensmittel, das es im Moment nur verpackt gibt, gönnen Sie sich von Zeit zu Zeit?

Da gibt es sogar viele. Mein Leben besteht nicht nur aus Verzicht. Chips mag ich zum Beispiel sehr gerne – und die gibt es bislang nur verpackt. Oder für meine Sport-Hobbys kaufe ich neue und verpackte Gegenstände wie die zu Beginn des Interviews erwähnten Velo-Pneus. Beim Sport möchte ich auch nicht auf meine einzeln verpackten Kontaktlinsen verzichten.

Zerowaste einfach erklärt

Z wie «Zerowaste»: Den Zerowaste-Lifestyle hat die Franko-Amerikanerin Bea Johnson ins Leben gerufen. Eigentlich ist das Prinzip von Zerowaste nichts Neues – vieles wird wieder so gemacht oder vorgelebt wie zu Omas Zeiten: Einkaufen im Tante-Emma-Laden; mit einer Papiertüte bzw. einem Stoffbeutel unverpackte Lebensmittel einkaufen gehen; wieder mehr selbst (ein)machen.

E wie «Einkaufen»: Von dort kommt der Müll meistens ins Haus bzw. in die Küche. Bio-Nahrungsmittel sind oder waren oftmals in Plastik verpackt, während die herkömmlichen Lebensmittel offen oder unverpackt angeboten werden. Beim Bauer oder im kleinen Dorfladen einzukaufen, unterstützt den Verkauf von regionalen Produkten. Oft sind diese auch weniger verpackt. Damit setzt man ein Zeichen für weniger Abfall in der Küche.

R wie «Recycling»: In der Schweiz wird vieles recycelt. Wir sind Meister im Abfalltrennen. Doch Recycling allein ist leider nicht die Lösung. Besser ist es, einen Gegenstand wiederzuverwenden, indem man zum Beispiel secondhand einkauft oder etwas ausleiht, anstatt es neu zu kaufen. Gerade bei Küchengeräten findet man Gutes und Günstiges im Brockenhaus. Das ist ressourcenorientierter, als online neu zu bestellen. Wichtig: Die Zerowaste–Bewegung orientiert sich an den 5 «R’s» von Bea Johnson (Englisch): Refuse (brauche ich es wirklich?) – Reduce (reduzieren) – Reuse (wiederverwenden) – Recycling – Rot (kompostieren).

O wie «ohne»: Ohne Verpackung wird ein Lebensmittel schnell schimmlig und faul? Benutzen Sie leere Gläser von Konfitüren, Saucen und Co., und verwenden Sie diese als Aufbewahrungsbehälter: Mehrweg statt Einweg. Oder haben Sie schon einmal etwas von Bienenwachstüchern gehört? Diese ersetzen die Frischhaltefolie oder Aluminiumfolien in der Küche. Angefangene Essensreste einfach damit einwickeln und wiederverwenden. Picknick-Brote können so problemlos auf die Wanderung mitgenommen werden, ohne dass Abfall entsteht.

W wie «Waste»: Das englische Wort für Abfall bedeutet in der Zerowaste- Bewegung nicht nur Abfall, sondern auch der Umgang mit unseren Ressourcen. In der Schweiz entstehen pro Person und Jahr ca. 700 bis 730kg Abfall (Quelle BAFU 2014, 2017). Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern liegen Herr und Frau Schweizer damit auf Platz 3 (Quelle Euro- Stat2016). Wenn man es international anschaut und pro Tag vergleicht, liegt die Schweiz mit 2,61kg Siedlungsabfall pro Person/Tag sogar vor den USA (2,58kg) und China (1,0kg) (Quelle WorldEconomicForum 2015).

A wie «Ameisen»: Mehr Biodiversität für unsere Insekten zu fördern, ist ein grosses Thema im Moment. Mit einem eigenen Kompost im Garten oder durch die Möglichkeit, Rüstabfälle mit der Kompostabfuhr der Gemeinde zu entsorgen, tut man bereits enorm viel. Denn Lebensmittel müssen nicht verbrannt werden. Durch das Kompostieren wird für uns Ungeniessbares wieder zu Erde und zu neuem Leben für viele Insekten.

S wie «Selbermachen»: Kennen Sie das Wundermittel «Natron»? Daraus lassen sich nicht nur Kuchen und Brot backen, sondern auch Waschmittel, Putzmittel und vieles mehr herstellen. Im Internet findet man unzählige Rezepte für DIY-Produkte. Natron erhält man in fast allen Unverpackt-Läden im Offenverkauf.

T wie «Tara»: Wenn Sie bereits «unverpackt» einkaufen, ist dies kein neuer Begriff für Sie. Auf der Website vom Verein ZeroWaste Switzerland finden Sie unzählige Adressen aus der Schweiz, wo sie unverpackt einkaufen können. Bringen Sie Ihre leeren Gefässe, Stoffbeutel oder Gläser mit und stellen Sie diese zuerst auf die Waage. Das Leergewicht wird Tara genannt und wird am Schluss an der Kasse vom Gesamtgewicht der Einkäufe abgezogen. So bezahlen Sie nur das, was Sie auch wirklich kaufen und mitnehmen.

E wie «Einstieg»: Aller Anfang ist schwer. Beginnen Sie mit etwas Einfachem. Verwenden Sie zum Beispiel Ihre eigene Trinkflasche? Indem Sie die Flasche bei einem Brunnen auffüllen, ersetzen Sie je nachdem mehrere PET-Flaschen pro Tag oder pro Woche. Kennen Sie die Stoffbeutel, die im Supermarkt anstelle der dünnen Plastiksäcke angeboten werden? Sie können darin auch verschiedene Gemüsesorten oder Früchte einkaufen und die Klebeetiketten auf den Beutel kleben. So vermeiden Sie unzählige Plastiksäckli und Müllberge in der Küche. 

Quelle: Franziska Rosenbaum

ZUR PERSON / ÜBER ZEROWASTE

Franziska Rosenbaum (36) ist seit 2018 Mitglied bei ZeroWaste Switzerland und war eineinhalb Jahre Zerowaste-Botschafterin für die Ostschweiz. ZeroWaste Switzerland ist ein gemeinnütziger Verein, der durch seine Aktivitäten und Mitglieder die Bevölkerung und Akteure aus Wirtschaft und 

Gemeinwesen dazu inspiriert und dabei unterstützt, Abfälle an der Quelle zu reduzieren. www.zerowasteswitzerland.ch